Traumatherapie

Grundsätzlich unterschiedet man zwei Arten von Trauma:

  • Schock- oder Gewalttrauma (das, was die meisten unter Trauma verstehen)
  • Bindungs- oder Entwicklungstrauma

Schock- oder Gewalttrauma

Auslöser ist in der Regel eine traumatisierende Situation oder eine Kette mehrerer Erlebnisse: Es geschieht etwas, worüber die Person keine Macht hat. Das, was geschieht, kommt zu plötzlich, zu schnell, zu heftig.

Typische Situationen:

  • schwerer Unfall, Naturkatastrophe
  • körperlicher Angriff, sexualisierte Gewalt
  • Kriegserlebnis, Folter, Gefangenschaft

Ein solches Erlebnis kann verschiedene Symptome hervorrufen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Typische Symptome sind:

  • Anspannung, Zittern, starkes Herzklopfen
  • Schlafstörungen
  • Gefühl von innerer Leere, von Betäubung
  • Verzweiflung, Angst, Panik
  • Aggression
  • Gefühl der Überforderung, Hilflosigkeit, gedrückte Stimmung, Depression
  • sozialer Rückzug, Vermeidungsverhalten
  • Suizidgedanken

Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) kommt es häufig auch zu Flashbacks, Erinnerungslücken, Entfremdungsgefühlen (dem Gefühl, nicht richtig da zu sein) und einem hohen Erregungsniveau (Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit).

Bindungs- oder Entwicklungstrauma

Wir Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis nach verlässlicher emotionaler Nähe zu anderen Menschen. Die erste Bindungserfahrung haben wir im Mutterleib gemacht, die ist in der Regel stabil. Nach der Geburt machen manche Menschen jedoch gegenteilige Erfahrungen: Ihre Bezugspersonen sind nicht oder nicht zuverlässig anwesend, sie verhalten sich unberechenbar, ja vielleicht sogar bedrohlich und fügen dem Kind Schmerzen zu. Bis in die 1970er-Jahre war es auch so, dass Kleinkinder, die schwer krank wurden (etwa bei Lungenentzündung) oft über Wochen im Krankenhaus behandelt wurden, die Eltern aber nicht dabei sein durften. Auch diese Kinder haben die tiefsitzende Erfahrung mitgenommen, dass sie allein gelassen wurden, als sie die Eltern am dringendsten gebraucht hätten. Nicht selten hat ein solches frühes Ereignis die Beziehung zu den Eltern nachhaltig gestört, sodass das Kind auch danach keine zuverlässige und nährende Bindungserfahrung macht.

Die Folge: Dem Kind fehlt eine sichere Bindung. Dadurch ist es nicht in der Lage, Orientierung im Außen und in sich selbst zu finden. Es hat früh gelernt, dass Menschen unzuverlässig, ja sogar gefährlich sein können. Oft ist das in einem Alter passiert, in dem das Kind noch nicht sprechen konnte und an das es keine bewusste Erinnerung hat. Auch im Erwachsenenalter ist die betroffene Person dann typischerweise nicht in der Lage, darüber zu sprechen, fällt in Konfliktsituationen in frühkindliche Zustände, fühlt sich hilflos – und ist nicht in der Lage, das, was sie bewegt, sprachlich zu kommunizieren, noch ist sie durch Sprache zu erreichen. Es fehlt auch die Erinnerung an die Situation in der Kindheit – nicht selten hört man von den Betroffenen Aussagen wie „Ich weiß gar nicht, was los ist. Ich habe doch nichts Schlimmes erlebt, mir ist nichts passiert. Und trotzdem…“

Trauma – was im Körper passiert

Bei einem körperlichen Angriff, einem Unfall oder einer anderen traumatisierenden Situation hat unser Körper nur drei Reaktionsmöglichkeiten: Flucht, Verteidigung oder Erstarrung (Totstellen). Wenn Flucht und Verteidigung nicht möglich sind, z.B. weil die Gewalt einfach überwältigend ist, bleibt nur noch das Totstellen. Dabei erstarrt der Körper, die bereits für Flucht und Kampf mobilisierte Energie friert ein und bleibt im Körper gebunden.

Nach einem einmaligen oder weniger heftigen Ereignis sind wir oft in der Lage, die eingefrorene Energie wieder zu schmelzen, wenn die Gefahr vorüber ist, indem wir dem Schrecken einen Ausdruck geben und uns schütteln, schreien, um uns schlagen, rennen.

Manchmal ist uns das aber nicht möglich, weil das Erlebte zu heftig war. Oder es kommt immer wieder zu dem Erleben von Gewalt und Ausgeliefertsein. Dann ist unser Körper nicht mehr in der Lage, mit der mobilisierten Energie adäquat umzugehen. Die Energie bleibt dann in uns gebunden, in Form von körperlichen Verspannungen (Nacken, Kiefer, Bauch, Becken, Beine). Das hat langfristig Auswirkung auf die Haltung. Und auf das Fühlen und Denken.

Folgen

  • Schwierigkeiten, den eigenen Körper zu spüren und seine Signale wahrzunehmen und richtig zu interpretieren.
  • Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse wahr- und ernst zu nehmen: Die Betroffenen spüren die Grenzen ihrer Belastbarkeit nicht mehr und gehen oft an und über ihre Grenzen. Sie verlieren die Fähigkeit, verantwortlich, rücksichtsvoll, liebevoll mit dem eigenen Körper umzugehen.
  • Das Vertrauen in den eigenen Körper ist eingeschränkt, der Körper ist „nichts, worauf man sich verlassen könnte“. Der Körper wird so wahrgenommen, dass er macht, was er will. Die Fähigkeit, die körperlichen Vorgänge zu steuern, ist eingeschränkt oder ganz verloren.

Traumatherapie

In der Therapie geht es darum, den unterbrochenen biologischen Prozess zu einem Ende zu bringen. Dann findet die betroffene Person wieder Zugang zu den angeborenen aktiven Reaktionsmöglichkeiten – Orientierung, Flucht, Kampf – und kann in gefährlichen Situationen flexibel entscheiden. So gewinnt sie ihre Lebensenergie zurück und findet wieder Zugang zu ihrer Lebenfreude.