Toleranzfenster

Dein Toleranzfenster – und wie du es erweitern kannst

 

Das Toleranzfenster ist ein Konzept von Dan Siegel, Professor für Psychiatrie, das sehr anschaulich erklärt, was mit dem Nervensystem geschieht, wenn es unter Stress gerät. Als ich dieses Konzept kennenlernte, half es mir sehr, mich und andere besser zu verstehen. Deshalb möchte ich es dir kurz vorstellen.

Was ist das Toleranzfenster?

Das Toleranzfenster beschreibt den Bereich emotionaler Intensität, in dem wir uns wohlfühlen. In diesem Bereich fühlen wir uns sicher; wir sind fähig, rational zu denken und Neues zu lernen. Befinden wir uns innerhalb des Toleranzfensters, können wir das Leben genießen. Ein ausgeglichenes Toleranzfenster sieht etwa so aus:

Window of Tolerance, Toleranzfenster

Im oberen Bereich des Toleranzfensters empfinden wir zum Beispiel:

  • angenehme Aufregung
  • Freude
  • Wachheit

Im unteren Bereich des Toleranzfensters empfinden wir zum Beispiel:

  • tiefe Entspannung
  • angenehme Ruhe
  • ein Gefühl von Verbundenheit

Was geschieht, wenn wir in Stress geraten?

Wenn wir in Stress geraten, werden die emotionalen Ausschläge größer, das Nervensystem schwingt in größeren Amplituden. Dann kann es passieren, dass die Schwingung das Toleranzfenster verlässt. Wir geraten dann entweder in einen Zustand der Übererregung oder der Untererregung:

Toleranzfenster 3

 

In der Übererregung erleben wir verstärkt Symptome wie Angst, Wut, Scham, übergroße Freude, Unruhe, Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme. Diese Übererregung entspricht einer erhöhten Aktivität des sympathischen Nervensystems.

In der Untererregung werden die Gefühle eher flach. Wir fühlen uns zum Beispiel depressiv, erschöpft, taub, wie gelähmt, verwirrt. Die Übererregung entspricht einer erhöhten Aktivität im parasympathischen Nervensystem.

Toleranzfenster und Trauma

Jeder Mensch hat ein individuelles Toleranzfenster. Wie weit ein Toleranzfenster ist, d.h., wie viel emotionale Erregung wir gut ertragen, ist abhängig von den Erfahrungen, die wir bei der Geburt und in den ersten Lebensjahren gemacht haben. Waren unsere Eltern fürsorglich, präsent und liebevoll, dann können wir im späteren Leben leichter mit den Situationen umgehen, die uns begegnen. Wir haben dann ein weites Toleranzfenster.

Frühe traumatische Erfahrungen schränken das Toleranzfenster ein. Wir reagieren dann schneller verunsichert und gestresst.

Toleranzfenster 2

Ziel der Traumatherapie ist daher, das Toleranzfenster zu erweitern.

Wie kannst du dein Toleranzfenster vergrößern?

Das Toleranzfenster wächst durch vermehrte Selbstfürsorge. Durch einen achtsamen, liebevollen Umgang mit dir selbst kannst du einen großen Teil dessen, was dir in deiner frühen Kindheit fehlte, „nacherfahren“. So entfaltest du behutsam die Fähigkeit, gelassener und ausgeglichener im Leben zu stehen.

In der Körpertherapie spricht man von 7 Stufen, die das Toleranzfenster weiten:

  1. Innehalten
  2. Tiefes Atmen
  3. Emotionen bewusst wahrnehmen
  4. Die Erfahrung und Emotionen akzeptieren
  5. Dir selbst Liebe geben
  6. Emotionen loslassen
  7. Entscheiden, ob du handeln möchtest oder nicht

Am besten, du integrierst diese 7 Schritte in deinen Alltag. Damit meine ich, dass du dich immer wieder auf sie besinnst und in den verschiedensten Situationen anwendest. So gewinnst du eine Routine und bist dann viel leichter in der Lage, diese 7 Schritte auch in brenzligen Situationen anzuwenden.

Foto: Pixabay-Nutzer No-longer-here
Grafiken: Franz Grieser

 

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